Steingeröll an der Altscheuer

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Steingeröll an der Altscheuer – ein Felsstrom im Odenwald

Wo der Odenwald plötzlich steiniger wird

Wenn Du bei Lichtenberg im Fischbachtal unterwegs bist und die Altscheuer hinaufwanderst, erwartet Dich ein Naturerlebnis, das man an dieser Stelle zunächst vielleicht gar nicht vermutet: ein ganzer Strom aus mächtigen Felsblöcken zieht sich den bewaldeten Hang hinunter.

Das Granitfelsen-Felsenmeer Steingeröll an der Altscheuer gehört zu den bemerkenswerten geologischen Erscheinungen des Vorderen Odenwaldes. Zwischen Buchen und anderen Laubbäumen liegen gewaltige Gesteinsblöcke übereinander, nebeneinander und teilweise scheinbar völlig ungeordnet. Manche Felsen ragen mehrere Meter aus dem Waldboden, andere liegen wie übereinandergeschobene riesige Steine im Hang.

Und genau dieses Bild macht den besonderen Reiz aus: Du wanderst nicht einfach an ein paar Felsen vorbei – Du bewegst Dich durch einen regelrechten Felsstrom.

Das Steingeröll erstreckt sich über ungefähr 400 Meter Länge und 100 Meter Breite. Geologisch handelt es sich um zwei Blockströme, die sich am Hang der Altscheuer abwärtsziehen. Das Gebiet ist bereits seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Naturdenkmal geschützt; 1959 wurde es offiziell als geologisches Naturdenkmal ausgewiesen.

 


Granit, der gar nicht wie klassischer Granit aussieht

Die Altscheuer liegt im Bereich der Flasergranitoidzone des Kristallinen Odenwaldes. Das anstehende Gestein gehört zu den kristallinen Tiefengesteinen, die vor vielen Millionen Jahren tief im Erdinneren aus erstarrendem Magma entstanden sind.

Beim Steingeröll werden die Gesteine unter anderem als Leukogabbrodiorit und Tonalit beschrieben. Damit wird bereits deutlich, dass die geologische Situation etwas differenzierter ist, als es der einfache Begriff „Granitfelsen“ vermuten lässt.

Wenn Du Dir die Felsen genauer ansiehst, kannst Du außerdem erkennen, dass sie keineswegs alle gleich aussehen. Einige Blöcke wirken relativ kompakt und rundlich, andere zeigen Kanten, Risse oder auffällige Oberflächenstrukturen. Durch Verwitterung und die unterschiedliche Widerstandsfähigkeit der einzelnen Minerale entstehen immer wieder neue Formen.

 

 


Wie aus festem Gestein ein Felsstrom wurde

Die spannende Frage lautet natürlich: Wie kommen so viele riesige Felsblöcke an einen Berghang?

Die Antwort beginnt lange vor den Eiszeiten.

Tief im Untergrund erstarrte das magmatische Gestein. Im Laufe der Erdgeschichte wurde das darüberliegende Gestein durch Hebung und Erosion nach und nach abgetragen. Dadurch gelangten die ursprünglich tief im Erdinneren entstandenen Gesteine näher an die Erdoberfläche.

Dort setzte die Verwitterung ein.

 

Wasser, Klüfte und chemische Verwitterung

Kristalline Gesteine sind nicht überall gleich widerstandsfähig. Außerdem besitzen sie natürliche Klüfte und Risse. Wasser kann in diese feinen Spalten eindringen. An der Oberfläche und entlang der Klüfte werden bestimmte Minerale allmählich chemisch verändert.

Die Verwitterung arbeitet dabei bevorzugt an den Kanten und Ecken. Ein ursprünglich kantiger Gesteinskörper kann dadurch über sehr lange Zeiträume immer stärker abgerundet werden.

Diesen Prozess kennst Du vielleicht unter dem Begriff Wollsackverwitterung. Dabei entstehen die für viele Felsenmeere des Odenwaldes typischen rundlichen Felsblöcke – die berühmten „Wollsäcke“.

Zwischen den Blöcken entsteht gleichzeitig lockeres Verwitterungsmaterial, der sogenannte Verwitterungsgrus. Für die Entstehung der Felsenmeere im Odenwald spielt dieser Prozess eine entscheidende Rolle.

 

 


Die Eiszeiten brachten Bewegung in den Hang

Die entscheidende Phase für die heutige Gestalt des Steingerölls liegt in der jüngeren Erdgeschichte.

Während der Eiszeiten war der Odenwald zwar nicht von einem mächtigen Inlandeisschild bedeckt, befand sich aber im Einflussbereich eines kalten, periglazialen Klimas. Frost drang in die vorhandenen Klüfte ein und konnte das Gestein weiter aufsprengen.

In den wärmeren Jahreszeiten taute der oberflächennahe Boden wieder auf. Das Wasser konnte dabei den feinkörnigen Verwitterungsgrus zwischen den Felsblöcken auswaschen. Gleichzeitig konnten sich die großen Blöcke unter dem Einfluss der Schwerkraft hangabwärts bewegen.

Ein wichtiger Vorgang war dabei die sogenannte Solifluktion, also das langsame Fließen wassergesättigter oberflächennaher Bodenschichten über gefrorenem Untergrund. Zusammen mit Frostverwitterung und gravitativer Massenverlagerung konnten dadurch die bereits gelockerten Gesteinsblöcke hangabwärts transportiert werden.

So entstand kein klassischer Bachlauf, sondern ein Strom aus Felsblöcken.

Das erklärt auch, warum die Felsen heute teilweise so aussehen, als wären sie den Hang hinuntergerollt oder übereinandergeschoben worden. Der Ausdruck „Felsstrom“ ist deshalb ausgesprochen passend.

Ein Meer aus Felsen – aber anders als das berühmte Felsenmeer

Wenn Du das große Felsenmeer bei Lautertal kennst, erkennst Du schnell die geologische Verwandtschaft.

Auch dort bilden verwitterte und während der Kaltzeiten bewegte Gesteinsblöcke eine charakteristische Felsenlandschaft. Der Begriff „Felsenmeer“ darf dabei allerdings nicht zu wörtlich genommen werden: Es handelt sich nicht um ein Meer aus einzelnen losen Kieseln, sondern um große Gesteinsblöcke, die sich über einen Hang oder eine Geländeform verteilen.

An der Altscheuer ist diese Erscheinung wesentlich kleiner und wirkt durch ihre Lage im Wald besonders ursprünglich. Der dichte Laubmischwald versteckt die Felsen teilweise. Immer wieder taucht hinter einem Baum ein neuer Block auf, dann öffnet sich der Blick auf eine größere Felsgruppe.

Das macht die Wanderung spannend: Du bekommst das Steingeröll nicht auf einmal präsentiert – Du entdeckst es Stück für Stück.

 


Beeindruckende Felsformationen am Weg

Besonders interessant sind die Stellen, an denen mehrere Blöcke direkt aufeinanderliegen.

Manche Felsen wirken wie riesige, übereinandergestapelte Wollsäcke. Andere stehen scheinbar allein im Hang und bilden markante Felswände. Wieder andere liegen so dicht nebeneinander, dass dazwischen nur schmale Durchgänge bleiben.

Mit etwas Fantasie kannst Du in den Formen vieles erkennen: Felsentore, Höhlen, Überhänge oder bizarre Köpfe. Tatsächlich sind diese Formen natürlich nicht künstlich entstanden, sondern das Ergebnis von Klüftung, Verwitterung und der Bewegung der Blöcke.

Besonders schön wirken die Felsen bei feuchtem Wetter. Dann glänzen die Oberflächen dunkel, während Moose und Farne zwischen den Steinen leuchten. An trockenen Sommertagen erscheinen die Felsen dagegen heller und die Strukturen ihrer Oberfläche werden deutlicher.

Nimm Dir ruhig einmal die Zeit, an einem besonders großen Block stehenzubleiben und seine Oberfläche genauer zu betrachten. Du siehst dann, dass ein Felsen nicht einfach nur „ein Stein“ ist. Risse, Verwitterungsspuren, unterschiedliche Mineralkörner und Bewuchs erzählen von einer sehr langen geologischen Geschichte.

 

Ein Rundweg durch Wald und Felsen

Das Schöne am Steingeröll der Altscheuer: Du musst keine lange Bergtour unternehmen, um es zu erreichen.

Als Ausgangspunkt bietet sich Lichtenberg an. Von dort führen verschiedene Wege hinauf zur Altscheuer und anschließend wieder zurück. Ein besonders schöner kleiner Rundweg führt zunächst bergauf in Richtung Altscheuer. Nach dem ersten Anstieg kannst Du in den Waldweg einbiegen und Dich auf den Wegen am Hang orientieren. Eine lokale Tourenbeschreibung empfiehlt, zunächst in Richtung Altscheuer bergauf zu gehen, am ersten passenden Abzweig rechts abzubiegen und anschließend dem Wegenetz für eine kleine Runde zu folgen.

Die genaue Wegführung kann sich durch Forstarbeiten oder Änderungen der Wege verändern. Deshalb lohnt es sich, vor der Wanderung eine aktuelle Wanderkarte beziehungsweise eine aktuelle GPX-Aufzeichnung zu verwenden.

 

 


Wenn Du eine längere Runde möchtest

Du kannst das Steingeröll auch in eine größere Wanderung rund um Lichtenberg einbauen.

Der Bereich der Altscheuer wird unter anderem vom Main-Stromberg-Weg und vom St.-Jost-Pilgerweg berührt. Der Alemannenweg verläuft ebenfalls in der Umgebung der Altscheuer. Damit lässt sich das Steingeröll gut mit einer längeren Tour durch den Vorderen Odenwald verbinden.

Eine weitere Möglichkeit ist der Pfad der Geschichte(n) in Fischbachtal. Dieser Rundweg verbindet verschiedene Stationen zu Erdgeschichte, Kultur- und Ortsgeschichte. Er ist mit etwa 6,2 Kilometern und einer angegebenen Gehzeit von rund 2,5 Stunden eine interessante Variante, wenn Du Deinen Ausflug nicht ausschließlich auf das Steingeröll beschränken möchtest. Als Ausgangspunkt wird unter anderem der Parkplatz Heuneburg in Lichtenberg genannt; alternativ kann am Naturpark-Parkplatz Riedbusch geparkt werden.

 

Wichtige Hinweise für Deine Wanderung

Der Weg zum Steingeröll ist kein alpiner Klettersteig, trotzdem solltest Du an einigen Stellen aufmerksam unterwegs sein.

Festes Schuhwerk ist sinnvoll, denn im Bereich der Felsen können die Wege uneben, wurzelig und bei Nässe rutschig sein. Besonders zwischen den Felsblöcken solltest Du vorsichtig auftreten.

Auch solltest Du bedenken, dass ein Felsenmeer kein klassischer „Spazierweg“ ist. Die schönsten Felsformationen liegen teilweise abseits des eigentlichen Weges. Hier ist Zurückhaltung angesagt: Nicht jeder Block muss bestiegen werden.

Gerade bei feuchter Witterung können vermooste Felsen sehr glatt sein.

Und natürlich gilt: Moos, Pflanzen und Felsen gehören zur Naturerscheinung dazu. Lass die Steine dort liegen, wo Du sie findest, und genieße die Landschaft möglichst spurlos.

 

 


Der Wald gehört zum Erlebnis dazu

Das Steingeröll wirkt vor allem deshalb so eindrucksvoll, weil es nicht frei in der Landschaft liegt.

Die Felsen sind in den Wald eingebettet. Buchen und andere Bäume wachsen zwischen den Blöcken, Wurzeln suchen sich ihren Weg durch die Spalten und Moose überziehen die Gesteinsoberflächen.

Das Steingeröll ist Bestandteil des Natura-2000-Gebiets „Buchenwälder des Vorderen Odenwaldes“. Ein Teil des Waldes rund um das Felsenmeer wird zudem als naturschutzfachliche Kernfläche nicht forstwirtschaftlich genutzt. Alte und umgestürzte Bäume schaffen zusätzliche Lebensräume für zahlreiche Tiere und Pilze.

Dadurch bekommst Du hier nicht nur einen Einblick in die Erdgeschichte, sondern gleichzeitig ein Stück ursprünglicher Waldlandschaft.

 

Warum Du genauer hinschauen solltest

Das Steingeröll an der Altscheuer ist kein spektakulärer Aussichtspunkt und auch kein Ausflugsziel mit großer Infrastruktur.

Seine Besonderheit liegt im Detail.

Du stehst mitten im Wald und siehst einen Felsblock, der dort scheinbar völlig zufällig liegt. Dann entdeckst Du dahinter einen weiteren. Und noch einen. Schließlich erkennst Du, dass sich die Steine tatsächlich über eine lange Strecke den Hang hinabziehen.

Plötzlich wird aus einem einzelnen Felsen ein geologisches Landschaftsbild.

Und wenn Du Dir vor Augen führst, dass diese Felsen einst tief im Erdinneren entstanden sind, über Millionen von Jahren verwitterten und schließlich während eiszeitlicher Kälteperioden langsam den Hang hinab bewegt wurden, bekommt der Spaziergang eine ganz andere Dimension.

Du wanderst dann nicht einfach durch einen Wald.

Du wanderst durch ein Stück Erdgeschichte.

 

Praktische Übersicht

Ziel: Granitfelsen-Felsenmeer Steingeröll an der Altscheuer
Ort: bei Lichtenberg, Gemeinde Fischbachtal im Odenwald
Höhe der Altscheuer: etwa 376 Meter
Geologischer Charakter: Fels- bzw. Blockstrom aus kristallinen Gesteinen
Ausdehnung: etwa 400 Meter Länge und 100 Meter Breite
Schutzstatus: geologisches Naturdenkmal
Wandern: über Wald- und Wanderwege erreichbar
Geeignet für: Spaziergänge, kurze Wanderungen und längere Rundtouren
Ausrüstung: festes Schuhwerk, bei feuchtem Wetter besonders empfehlenswert
Tipp: Nimm Dir Zeit für die einzelnen Felsformationen und schau Dir die Oberflächen der Blöcke aus der Nähe an.

Mein Fazit

Wenn Du den Odenwald einmal von seiner geologischen Seite kennenlernen möchtest, ist das Steingeröll an der Altscheuer ein lohnendes Ziel.

Hier brauchst Du keine spektakuläre Gipfelkulisse. Die Attraktion liegt direkt vor Deinen Füßen: mächtige Felsblöcke, die sich wie ein versteinerter Strom durch den Wald ziehen.

Besonders faszinierend ist die Vorstellung, dass diese Landschaft nicht innerhalb weniger Jahre oder Jahrhunderte entstanden ist. Wasser, Verwitterung, Frost, Schwerkraft und die eiszeitlichen Klimabedingungen haben über unvorstellbar lange Zeit an diesem Hang gearbeitet.

Heute kannst Du das Ergebnis bei einer ruhigen Wanderung entdecken.

Und vielleicht gehst Du beim nächsten Besuch nicht einfach an den Felsen vorbei. Schau genauer hin. Betrachte die Rundungen, Risse und Oberflächen. Geh ein paar Schritte zurück und betrachte eine ganze Felsgruppe.

Dann erkennst Du, was die Altscheuer so besonders macht:

Hier liegt ein Felsstrom mitten im Odenwald – still, verwunschen und voller Erdgeschichte.

Björn
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