Die Obrunnschlucht im Odenwald.
Obrunnschlucht bei Höchst im Odenwald: Märchen, Miniaturburgen und eine Schlucht mit Geschichte
Wenn du im Odenwald einen Ausflugsort suchst, der Natur, Geschichte und ein bisschen Märchenwelt miteinander verbindet, solltest du dir die Obrunnschlucht bei Höchst im Odenwald anschauen. Auf rund drei Kilometern schlängelt sich der Obrunnbach durch einen bewaldeten Taleinschnitt – vorbei an kleinen Burgen, Mühlen, Fachwerkhäusern, Brücken und Figuren aus Märchen und Sagen.
Was zunächst wie ein schöner Familienwanderweg aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein Ort mit erstaunlich viel Geschichte. Und auch geologisch hat die Schlucht einiges zu erzählen.
Offizielle Informationen der Gemeinde Höchst zur Obrunnschlucht
Wissenswertes zur Obrunnschlucht

Eine Schlucht, die älter ist, als sie aussieht
Die Obrunnschlucht ist ungefähr drei Kilometer lang und überwindet auf ihrer Strecke rund 150 Höhenmeter. Der Obrunnbach begleitet dich durch den schmalen, bewaldeten Taleinschnitt, der stellenweise nur wenige Meter breit ist. Die Schlucht gehört zum Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald.
Spannend wird es, wenn man sich die Entstehung der Landschaft anschaut. Die heutige Form des Odenwaldes ist das Ergebnis einer sehr langen geologischen Geschichte. Vor rund 180 Millionen Jahren wurde die Region im Zuge der tektonischen Entwicklung erneut aufgefaltet. Die ursprünglich darüberliegenden Sedimentschichten wurden später teilweise wieder abgetragen. Dadurch entstanden die markanten Täler und Taleinschnitte, die wir heute im Odenwald sehen.
Die Obrunnschlucht ist also nicht einfach nur ein Bach, der sich irgendwann langsam durch den Fels gegraben hat. Ihre Landschaft ist Teil einer viel älteren geologischen Entwicklung des Odenwaldes.
Für mich ist genau das ein schöner Gedanke beim Wandern: Unter den eigenen Füßen steckt eine Erdgeschichte, die Millionen von Jahren zurückreicht – während direkt daneben kleine Märchenschlösser stehen.
Vom romantischen Ausflugsziel zum Märchenpfad
Schriftlich erwähnt wurde die Obrunnschlucht erstmals 1857. Ende des 19. Jahrhunderts wurde sie durch den Odenwaldklub als Wandergebiet erschlossen und entwickelte sich zunehmend zu einem beliebten Ausflugsziel. Bereits ab den 1890er-Jahren zog die romantische Landschaft Wanderer und Erholungssuchende an.
Die eigentliche Besonderheit entstand allerdings erst später.
Mitte des 20. Jahrhunderts begannen engagierte Menschen damit, die Schlucht mit kleinen Bauwerken und Figuren auszustatten. Entstanden sind Modelle von Burgen, Schlössern, Mühlen und anderen Gebäuden – teilweise nach regionalen Vorbildern, teilweise frei aus der Fantasie heraus. Dazu kamen Figuren und Szenen aus der Welt der Märchen und Sagen.
Die Miniaturen wurden ungefähr im Maßstab 1:20 gebaut.
Und genau das macht den Spaziergang heute so besonders: Du wanderst nicht einfach einen Bach entlang, sondern hältst immer wieder Ausschau nach dem nächsten kleinen Bauwerk, der nächsten Brücke oder einer Figur, die plötzlich zwischen den Bäumen auftaucht.

Die Märchenhäuschen – eine Geschichte für sich
Die kleinen Häuser und Bauwerke sind keineswegs nur moderne Dekoration.
Zu den Motiven gehören unter anderem regionaltypische Gebäude wie das Kloster Höchst, die Bergkirche Mümling-Grumbach oder der Binger Mäuseturm. Daneben findest du Fantasie- und Märchenbauten sowie Figuren aus bekannten Sagen.
So begegnen dir beispielsweise:
- Burgen und Schlösser
- kleine Waldhäuser und Hütten
- Mühlen
- Märchen- und Sagengestalten
- Rübezahl
- Dornröschen
- der Wilde Reiter
- die Schwanenburg
Die Details machen dabei einen großen Teil des Reizes aus. Deshalb würde ich dir empfehlen, nicht einfach nur durch die Schlucht zu laufen. Nimm dir Zeit und schau wirklich in die Umgebung. Manche Modelle entdeckt man erst, wenn man ein paar Meter langsamer wird.

Zerstört, vergessen – und wieder aufgebaut
Die Geschichte der Märchenhäuschen ist allerdings nicht nur romantisch.
1953 zerstörte ein schweres Unwetter nahezu alle Miniaturen und Holzbrücken. Die Schlucht war zeitweise nicht mehr begehbar. Ab 1961 machten sich engagierte Bürger daran, die Anlage wieder aufzubauen und gleichzeitig zu erweitern. In dieser Zeit entstanden auch zusätzliche Infrastruktur wie ein Wanderparkplatz und eine kleine Bewirtschaftung.
In den 1960er- und 1970er-Jahren erlebte die Obrunnschlucht dann eine regelrechte Blütezeit. Sie war ein beliebtes Naherholungsziel für Menschen aus Höchst und weit darüber hinaus.
Doch irgendwann ließ das Interesse nach. Die kleinen Bauwerke verfielen, manche wurden durch Witterung beschädigt, andere durch Vandalismus zerstört. Ende der 1970er-Jahre war von der einstigen Märchenwelt nicht mehr viel übrig.
Ein neuer Anfang
2005 gründete sich schließlich die Interessengemeinschaft Obrunnschlucht. Ihr Ziel: den Märchenpfad erhalten und die zerstörten beziehungsweise verfallenen Bauwerke wiederherstellen.
Und das ist bis heute eine echte Gemeinschaftsleistung. Die IG arbeitet ehrenamtlich und kooperiert unter anderem mit der Gemeinde Höchst, HessenForst, dem Geo-Naturpark, regionalen Unternehmen und engagierten Bürgerinnen und Bürgern.
Wenn du also durch die Obrunnschlucht wanderst, kannst du die kleinen Bauwerke auch einmal aus diesem Blickwinkel betrachten: Hinter den Miniaturen steckt nicht nur eine alte Idee, sondern jede Menge ehrenamtliche Arbeit.
Mein Tipp: Nicht nur „durchlaufen“
Die Obrunnschlucht ist besonders schön, wenn du sie ohne Zeitdruck erkundest.
Der Wanderweg folgt dem Bach und führt immer wieder über kleine Holzbrücken. Das Plätschern des Wassers, der Wald und die Miniaturen ergeben eine Atmosphäre, die ein bisschen aus der Zeit gefallen wirkt.
Gerade mit Kindern funktioniert das wunderbar: Statt einfach eine Wanderung zu machen, wird daraus eine kleine Entdeckungstour.
Wer findet zuerst die nächste Burg?
Wo versteckt sich die nächste Märchenfigur?
Und was könnte hinter der nächsten Kurve stehen?
Auch für Erwachsene ist der Weg interessant – gerade wenn du dich für Heimatgeschichte, Architektur oder Handwerk begeisterst.
Wo kannst du parken?
Wenn du mit dem Auto kommst, würde ich den oberen Einstieg an der L3106/Rimhorner Straße wählen.
Dort befindet sich der große Waldparkplatz Obrunnschlucht mit Orientierungstafeln und direktem Zugang zum Wanderweg. Der Parkplatz ist kostenfrei.
Wichtig: Am unteren Einstieg im Bereich des Obrunnwegs im Wohngebiet gibt es dagegen keine geeigneten Parkmöglichkeiten für Ausflügler. Wenn du mit dem Auto anreist, ist der obere Parkplatz daher die deutlich bessere Wahl.
Wenn du ohne Auto unterwegs bist, kannst du die Obrunnschlucht auch von Höchst aus erreichen. Vom Bahnhof führt ein Weg zum unteren Einstieg; der Fußweg dauert ungefähr 20 Minuten.
Wie lange solltest du einplanen?
Für den eigentlichen Märchenpfad würde ich mindestens zwei Stunden einplanen, wenn du gemütlich unterwegs bist und dir die Miniaturen anschauen möchtest.
Wenn du daraus eine größere Wanderung machen möchtest, kannst du die Obrunnschlucht in eine Rundwanderung durch die Umgebung von Höchst integrieren. Eine ausgewiesene Rundtour durch die Obrunnschlucht und das Umland ist beispielsweise rund 9,2 Kilometer lang und wird als leichte Wanderung beschrieben.
Mein persönlicher Tipp wäre allerdings: Lieber langsam als schnell.
Die Obrunnschlucht lebt davon, dass du stehen bleibst, dich umschaust und die kleinen Details entdeckst.
Ein paar praktische Tipps für deinen Ausflug
Festes Schuhwerk
Der Weg ist zwar kein alpiner Wanderweg, aber du bist im Wald unterwegs und überquerst den Bach über zahlreiche Brücken. Nach Regen können Wege und Holzflächen rutschig sein.
Nach Regen besonders schön – aber auch rutschiger
Wenn der Obrunnbach Wasser führt, wirkt die Schlucht besonders stimmungsvoll. Gleichzeitig solltest du dann etwas vorsichtiger unterwegs sein.
Ideal für Familien
Die Kombination aus Wald, Bach, Brücken und Märchenfiguren macht den Weg besonders interessant für Kinder. Die Gemeinde selbst hebt die Familienfreundlichkeit des Märchenpfades hervor.
Fahrrad lieber stehen lassen
Der Märchenpfad ist ein Wanderweg und nicht für Mountainbikes freigegeben.
Kamera nicht vergessen
Gerade die Miniaturhäuser laden dazu ein, genauer hinzusehen. Außerdem verändert sich die Stimmung der Schlucht je nach Jahreszeit deutlich.
Nicht mit einem klassischen Spazierweg verwechseln
Durch Wald, Bachlauf, Brücken und teilweise schmale Wegabschnitte ist die Obrunnschlucht nicht mit einer vollständig barrierefreien Promenade vergleichbar. Mit kleinen Kindern würde ich deshalb eher eine geländegängige Kinderwagen-Alternative beziehungsweise eine Trage einplanen.

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