Ein gewisses Fräulein Erika.

Fundstücke aus vergangenen Tagen sind etwas Schönes. Gleich welcher Art und Funktion oder Form. Sie wecken Erinnerungen, nicht nur in mir. Alltagserinnerungen.

Die Idee zur Überschrift des heutigen Artikels habe ich aus meinem Musikraum. Dort befindet sich eine alte Schellackplatte im Musikarchiv von Eric Harden mit seinem Tanzorchester. Luigi Bernauer interpretiert den Gesang von „Hör mein Lied, Violetta“ und auf der anderen Seite „Ein gewisses Fräulein Erika“.

Ob er seinen Gesang auf mein heutiges Fundstück bezog, wage ich zumindest zu bezweifeln. Aber Erika nennt sich mein Mitbringsel gleichfalls.

Wenn dich der Schlager interessiert, dann findest Du ihn hier: Link auf Youtube

Erika gehörte zum guten Ton im Büro.

So kann man wohl sagen, pardon, schreiben.
Und schreiben konnte man darauf und kann es noch heute.

Handelt es sich bei unserem Fräulein Erika doch um eine Schreibmaschine, wie einmal weitläufig bekannt war. Überhaupt ist mir aufgefallen, dass viele Schreibmaschinen weibliche Vornamen trugen – ich habe auch noch eine Ursula hier. Vielleicht zeige ich sie ein anderes Mal. Heute soll es um Erika gehen.

In heutigen Zeiten ist schon das „Fräulein“ ein verbotener Begriff.
Eigentlich seltsam, ich finde darin liegt nichts Abwertendes. Bei mir ist das Fräulein Titulat immer nur positiv besetzt. Versichere ich hiermit.

Hergestellt vom einst größten Nähmaschinen- und Schreibmaschinenproduzenten Deutschlands.

Die Firma Seidel & Naumann hatte ihren Ursprung in dem Unternehmer Karl Robert Bruno Naumann. Im Jahr 1869 investierte Erich Seidel in sein Unternehmen und fortan nannte es sich Seidel & Naumann.

Es sollte der Beginn einer Erfolgsgeschichte werden.

Zunächst konzentrierte man sich auf die Herstellung von Nähmaschinen und bereits in den 1880er Jahren fertigten 1.000 Mitarbeiter:Innen ca. 80.000 Maschinen im Jahr. Eine stolze Menge.

Auch ich hatte einmal einen Rest einer Naumann im Haus, allerdings nur den „Kopf“ – ich habe ihn wieder entsorgt. Eine andere Geschichte.

Neben den Nähmaschinen begann man mit der Produktion von „Germania“ Fahrrädern und einer Reihe weiterer Produkte.

Gegen die Jahrhundertwende begann die Produktion von Schreibmaschinen unter dem Namen „Ideal“ und schnell ging man damit in die Massenproduktion.

Erika Tab 5

Die ersten Schreibmaschinen mit dem Namen „Erika“ tauchten um 1910 herum auf.
Es handelte sich um eine Kleinschreibmaschine, später auch als „Klapp-Erika“ bekannt geworden.

Im Jahr 1927 erschien die von Paul Käppler konstruierte 4 reihige Erika, die Erika Modell 5.
Eine Erweiterung stellt die Erika 5 Tab dar, sie wird zwischen 1932 und 1935 „geboren“ sein.

Damit ist mein heutiges Fundstück schon recht alt, sieht aber für ihr Alter noch gut aus.
Sie funktioniert auch noch ausgezeichnet. Was für die Pflege in den zurückliegenden Jahren spricht, aber auch für deren Stabile Konstruktion.

Erinnerungen.

Schon als Kind tippte ich mit Leidenschaft auf der großen Alpina Schreibmaschine meines Vaters. Später besuchte ich eine kaufmännische Privatschule und machte dort meinen ersten Schreibmaschinenkurs.

Dieser nutzte noch diese mechanischen Schreibmaschinen.
In der Handelsschule habe ich erste elektrifizierte Maschinen kennengelernt.
Es handelte sich um große Apparate und teilweise hatten diese bereits Kugelköpfe.

Während meiner Ausbildung gab es dann bereits eine Displayzeile und ein Diskettenlaufwerk an den Schreibmaschinen.
Und innerhalb kürzester Zeit waren diese fast vollständig aus dem Firmenalltag verschwunden.

Der Firma Seidel&Naumann erging es nicht anders.

Ihre Geschichte endete als robotran Erika GmbH am 29. Juni 1992.

Schade eigentlich, waren es schöne Produkte für eine halbe Ewigkeit konstruiert.
So lange wird mein Computer wohl nicht halten.

Björn
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2 Kommentare
  1. Traudi sagte:

    Lieber Björn,
    wieder mal eine tolle “Ausgrabung”.
    Auch mir hat es die Schreibmaschine meines Vaters schon als Kind angetan. Einen Schreibmaschinenkurs habe ich nie besucht. Mit bunten Klebern auf den Tasten (rot für Zeigefinger, blau für Mittelfinger usw.) habe ich es mir selbst beigebracht und viel geübt. Die Kleber auf den Tasten erfreuten meinen Vater alledings nicht, weil sie nicht mehr zu entfernen waren.
    Anscheinend sind hier die Grundsteine meines Schreibens gelegt worden. 🙂

    Viele Grüße
    Traudi

    Antworten
    • Björn sagte:

      Hallo Traudi,

      ich hatte sogar mehrere Kurse bzw. ich musste später in der Handelsschule und danach in meiner Lehrzeit nochmals mit lernen 😀

      Bei meinem ersten Kurs im Maschinenschreiben – alleine schon dieses Wort ist heute eine Rarität – waren alle Tasten ohne Aufdruck. Somit war ein Schummeln nicht möglich 😀

      Liebe Grüße
      Björn

      Antworten

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